Die Montagsfrage #69 - Kann ein Autor über etwas außerhalb seiner eigenen Erfahrungen schreiben? Und muss er es vielleicht sogar?

by - Februar 03, 2020

Montagsfrage 69

Es ist Montag. Viele Menschen gehen in den Zoo ...
Nein. Moment. Falsch.
Auch wenn ich genau hören kann, wie mein Vater diese zwei Sätze sagt. Also, eigentlich heißt es ja "Es ist Sonntag. Viele Menschen gehen in den Zoo", aber ihr versteht sicher den Witz an ... egal. Irgendwo existieren sie bestimmt auch noch auf Kassette, denn er musste uns Kindern dieses Buch so verdammt oft vorlesen, bis er keinen Bock mehr hatte und es auf Kassette gesprochen hat (Übrigens auch so ein Kassetten-Buch: "Wie die Elefanten zu ihren Rüsseln kamen" von Rudyard Kipling. Wie oft musste mein Vater mir das vorlesen? Gott. Ich bewundere seine Geduld, ernsthaft.)
Wo war ich? Ach ja.
Nochmal: Es ist Montag. Und damit ist es nicht Zeit für den Zoo (obwohl ich da schon verhältnismäßig lange nicht mehr war), sondern für eine neue Montagsfrage.
Wie war meine letzte Woche? Verkrampft, anstrengend, aber am Ende befreiend. Wie hat mein Chef heute vor Feierabend zu mir gesagt? "Sehen Sie, wir haben den ersten Tag ohne den Kollegen geschafft und die Firma steht noch, keiner weint, die Arbeit wurde erledigt, machen wir morgen weiter so."
Recht hat er.

Ahem.
Also, Antonia möchte diesmal von uns wissen:

Kann ein Autor über etwas außerhalb seiner eigenen Erfahrung schreiben? Und sollte er es vielleicht sogar?


Ah, was kann man herrlich mit so manchem Zeitgenossen über diese Frage streiten. Es gibt die Hardliner, die sagen, ein Autor sollte nicht über Dinge schreiben, die er nicht selbst erlebt hat. Niemals. Was ... 99% aller Bücher obsolet machen würde, denn dann wäre Stephen King eine Art genialer Serienmörder, den die Polizei nur bisher noch nicht geschnappt hat. Vampire und Werwölfe müsste es wirklich geben (ich bin sicher, da draußen gibt es Leute, die das wirklich glauben ...) und sowas wie Piraten, Drachen, Hexen oder all die anderen Dinge, die die Romanwelt uns zu bieten hat, müssten entweder dort draußen herumlaufen (denn man würde damit ja nur etwas beschreiben, was es wirklich gibt, was die Chance, damit in Berührung zu kommen, ziemlich groß macht) oder es würde diese Bücher einfach überhaupt nicht geben, denn niemand hätte diese Dinge erlebt und würde darüber schreiben. Dann gäbe es vermutlich nur noch Gesellschaftsromane, Romanzen und alles, was nicht erfordert, dass der Autor ein Massenmörder, Psychopath oder Zauberer ist.

Ihr merkt wahrscheinlich, dass ich diesem Ansatz nicht so viel abgewinnen kann.
Ich meine, ich bin doch das beste Beispiel, oder? Würde ich das schreiben, was ich selbst erlebt habe, würde mein Buch vermutlich von einer jungen Frau handeln, die in ihrer Schulzeit gemobbt wurde, eine tragische Vergangenheit hatte und gerade versucht, ein normales Leben zu leben. Vielleicht bin ich noch nicht an dem Punkt, an dem die Protagonistin entdeckt, dass sie doch nicht so gewöhnlich ist. Vielleicht blase ich irgendwann in einem Wutanfall meinen Chef zu einem Ballon auf oder ein bärtiger Mann mit spitzem Hut erklärt mir an meinem einundfünfzigsten Geburtstag, er bräuchte mich dringend für ein Abenteuer, das leider nicht verschoben werden kann und mich um die halbe Welt führen wird. Oder irgendwer erklärt mir, ich sei die Tochter irgendeines griechischen Gottes. Möglich, oder?
Aber gerade, weil mein Leben all das nicht ist, habe ich das Recht, Bücher zu schreiben, die nicht "normal" sind, finde ich. Es geht in Büchern meiner Meinung nach nicht darum, dass der Autor schildert, was er selbst erlebt hat, zumindest nicht ausschließlich. Es geht darum, dass der Autor, wenn er gut ist, einem alles erzählen kann und man glaubt es.
Das erfordert nicht, dass ich selbst in der britischen Armee diene, schon mal in Indien war, mit Tigern und Elefanten arbeite und mich besonders gut mit Religion auskenne.
Ich muss den Leser nur glauben lassen, ich täte es.
Und das, meine Lieben, nennt sich "Recherche" und "Einfühlungsvermögen", vielleicht auch "Talent". 

Es gibt Menschen, die sagen: "Schreib nicht über [hier Ethnie/Religionszugehörigkeit/Sexuelle Orientierung/favorisierte Essgewohnheit einfügen], wenn du dich nicht selbst damit identifizierst! Wie kannst du wissen, wie es ist, XY zu sein, wenn du es selbst nicht bist? Recherche kann dir niemals verraten, wie es ist, wirklich so zu sein!"
Nun, manchmal mag das zutreffen. Ich werde nie aus vollster Überzeugung beschreiben können, wie man sich fühlt, wenn man als Angehöriger eines bestimmten religiösen Hintergrundes geboren wurde, dem ich selbst nicht angehöre. Ich werde nie einhundert Prozent darin überzeugen können, einen Charakter zu beschreiben, dessen sexuelle Orientierung von meiner abweicht. Aber ich glaube, man kann viele Dinge tun, um dem so nah wie möglich zu kommen. Man kann mit Leuten reden, die diese Zugehörigkeit haben. Man kann sie nach ihren Empfindungen befragen und das mit einfallen lassen. Man kann ihnen seine Texte zu lesen geben und sie können einem sagen, was man gut oder schlecht gemacht hat und wie man es besser machen kann. Diese Menschen nennen sich "Sensitivity Readers" und es gibt sie für so ziemlich jedes Problem, vor das man seine Charaktere stellen kann. Ein Punkt, den ich im Hinterkopf behalten muss, wenn ich ernsthaft daran arbeite, Indian Gods zu veröffentlichen. 

Und selbst wenn ich noch nie in Indien war, noch nie durch einen Dschungel gestromert bin, noch nie mit einem Tiger gerungen habe oder auf einem Elefanten geritten bin, noch nie einen Krieg oder eine Schlacht oder ein Gefecht miterlebt, noch nie ein Gewehr abgefeuert oder einen Menschen getötet habe, kann ich doch darüber schreiben. Ich kann recherchieren, wie die Arbeit in Zoos mit Tieren abläuft. Ich kann Zoos besuchen und die Tiere beobachten, wenn ich schon nicht das Geld für eine Safari habe. Ich kann Dokus anschauen. Ich kann Menschen befragen, die mir sagen können, wie das Leben als Soldat möglicherweise ist oder war. Ich kann Bücher aus der Epoche lesen, über die ich schreibe. Mein Buch spielt 1857/58. Ich werde mit keinem der Menschheit derzeit zur Verfügung stehenden Mittel die Möglichkeit haben, diese Epoche der Geschichte selbst zu erleben. Und wenn ich ehrlich bin, möchte ich das auch gar nicht. Die technischen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts haben schon etwas für sich, vielen Dank auch. Und die Sauberkeit erst!
Sollte ich nun aufhören, dieses Buch zu schreiben, denn weil ich es nicht selbst erlebt habe, kann ich es nur falsch machen?
Ich denke nicht. Der Schlüssel ist auch hier, den Leser davon zu überzeugen, dass man sich auskennt. Das bedeutet eine verdammte Menge Recherche, denn je weiter man teilweise in der Zeit zurückgeht, desto weniger verlässliches Material gibt es, aber das, was da ist, sollte auf jeden Fall genutzt werden. Denn wenn man nicht recherchiert, merken die Leser das meist ziemlich schnell. Aber wenn wir ehrlich sind, wird es immer jemanden geben, der etwas findet, was er bekritteln kann. Was nicht heißt, dass man sich nicht anstrengen sollte, schon aus Gründen der eigenen Überzeugung nicht.
Also: Do your research, people!, wie Sherlock Holmes sagen würde.
 

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4 Kommentare

  1. Grüße :),

    ich kann dir nur zustimmen. Würden Autoren nur über eigene Erfahrungen schreiben dürfen würden wir nur noch die Genre der Biografien haben oder trockene Literatur die - mir zumindest - keinen Spaß macht. Fantasy würde aussterben und damit im Grunde auch die Kinderbücher, Jugendbücher und co. Bilderbücher mit sprechenden Tieren wären weg, aus Doolittle gibt es wirklich. Fitzek wäre ein Psycho und alle Krimiautoren säßen im Knast. Gott sei Dank ist es nicht so :D

    Tintengrüße von der Ruby

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    1. Hey Ruby :)
      Ich denke mal, Biografien wären nicht schlimm, aber doch irgendwann ... langweilig? Bücher sind doch gerade dazu da, aus unserer Welt zu entfliehen, irgendwo anders hin, wo es Dinge gibt, die wir uns sonst nur in unseren Träumen vorstellen können :)

      LG
      Lux

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  2. Einen wunderschönen guten Abend,

    ich habe dem nichts hinzuzufügen, du hast es sehr gut ausgeführt: ja, natürlich dürfen und können AutorInnen das!
    Wie einfältig wäre usnere Buchwelt denn sonst?!

    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Hallo Tina!
      Ich gebe dir völlig recht. Leider hatte ich die Diskussion auch schon mit jemandem in einem Forum, der ernsthaft der Meinung war, ein Autor sollte auch nur über Sachen schreiben, die er selbst erlebt hat ... Traurig. Dass man sich (halbwegs) mit dem auskennen sollte, worüber man schreibt, ist für mich selbstredend. Aber ich mag auch Recherchearbeit sehr gerne ...

      LG
      Lux

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